GRADE im "Lehrbuch Evidenzbasierte Medizin in Klinik und Praxis"
Hier finden Sie weitere Informationen zu GRADE, die im Lehrbuch nicht Platz fanden.
Beispiele aus dem GRADE Kapitel
Beispiel 1: Starke Empfehlung: Myokardinfarkt und Aspirin.
Wiederholt haben Ergebnisse aus RCTs hoher Qualität gezeigt, dass Aspirin das relative Risiko an einem Mykardinfarkt zu versterben um ca. 25% verringert. Typischerweise liegt das Risiko an einem Mykardinfarkt zu versterben in den ersten 30 Tagen zwischen 2% und 40% (je nachdem wie alt der Patient ist und anderen Faktoren, wie z.B. Herzinsuffizienz). Wir können daher bei Patienten mit einem geringen Grundrisiko eine absolute Risiko Reduktion von 0.5% erwarten (von 2% herunter auf 1,5%), bei Patienten mit einem hohen Grundrisiko jedoch eine absolute Risiko Reduktion von 10% (von 40% auf 30%). Aspirin hat relativ wenige unerwünschte Wirkungen und ist billig. Da selbst bei Patienten mit einem geringen Grundrisiko die Vorteile gegenüber den Nachteilen (Nebenwirkungen, Belastungen und Kosten) überwiegen, wird die Gabe von Aspirin in dieser Situtation stark empfohlen und ist auch daher weit verbreitet.
Beispiel 2: Abgeschwächte Empfehlung: Tiefe Beinvenenthrombose und Marcumar/Aspirin.
Wenn z.B. ein 40 jähriger Mann zur Behandlung einer idiopathischen tiefen Beinvenenthrombose Marcumar fuer 1 Jahr zur Prophylaxe einer erneuten Beinthrombose oder Lungenembolie erhalten hat, so kann er dieses Risiko durch eine fortgestzte Einnahme von Markumar um ca 7% pro Jahr für mehrere Jahre verringern. Zu den Belastungen einer Marcumarbehandlung gehoeren: die taegliche Tabletteneinnahme, eine relative konstante Zufuhr von Vitamin K haltigen Nahrungsmitteln, regelmässige Bluttests zur Bestimmung der Gerinnung, und ein erhöhtes Blutungsrisiko (bzw. das Erleiden von Blutungen). Patienten die eine wiederholte tiefe Beinvenenthrombose besonders befürchten nehmen diese Belastungen gerne in Kauf. Andere wiederum empfinden den Nutzen von Marcumar in einer solchen Situation den unerwünschten Wirkugnen und Belastungen nicht überlegen.
Beispiel 3: Unterschiedliche Wertvorstellungen: Kombinationsbehandlung Chemotherapie plus Strahlentherapie.
Die Verwendung von einer Kombinationsbehandlung Chemotherapie plus Strahlentherapie im Vergleich zu einer alleinigen Strahlentherapie bei nicht-operablem, nicht-kleinzelligem Lungenkrebs kann die mittlere Lebenserwartung um wenige Monate verlängern. Mehr Nebenwirkungen und Belastungen sind jedoch zu erwarten. Leitlinienersteller kommen in solchen Situationen meistens zu schwachen Empfehlungen, da sicherlich unterschiedliche Wertvorstellungen von Patienten zu einer Abwägung von unerwünschten Wirkungen und Belastungen im Vergleich zu einer relativ geringen Lebensverlängerung in Betracht gezogen werden müssen.
Beispiel 4: Schwächen in der Methodik: Danaproid bei Heparin-induzierter Thrombozytopenie (HIT).
Eine randomisierte, kontrollierte Studie zeigte einen Nutzen von Danaproid in der Behandlung einer Thrombose bei Heparin-induzierter Thrombozytopenie (HIT). Die Studie war jedoch nicht verblindet und der Hauptendpunkt (Auflösung der Thromboembolie) wurde durch die Prüfärzte ermittelt – eine subjective Einschätzung.
Beispiel 5: Unerklärte Heterogenität der Ergebnisse: Pentoxyphyllin bei Claudicatio Intermittens.
Studien, die Pentoxyphyllin bei Claudicatio Intermittens untersucht haben, zeigten bisher unerklärbar unterschiedliche Ergebnisse.
Beispiel 6: Indirekte Evidenz (Unterschiede in der Population): Vogelgrippe.
Infektionen mit der Vogelgrippe (Influenza A(H5N1) Virus) ist mit einer hohen Mortalität verbunden (ca 33% bis über 50% der infizierten Patienten versterben). Nach einer potentiellen Ansteckung ist die Möglichkeit einer medikamentösen Verhinderung der Erkrankung z.B. durch einen Neuraminidase Inhibitor (z.B. Oseltamivir) vorstellbar. Studien haben Oseltamivir jedoch bisher nur bei Patienten mit saisonaler Influenza (ein deutlich anderer Influenza A Virus) untersucht – eine deutlich unterschiedliche Patientenpopulation.
Beispiel 7: Fehlende Präzision: Nadroparin bei Sinusvenenthrombose.
Eine gut durchgeführte, randomisierte Studie untersuchte Nadroparin (ein niedermolekulares Heparin) bei Patienten mit Sinusvenenthrombose. Von 30 behandelten Patienten hatten 3 einen ungünstigen Krankheitsverlauf im Vergleich zu 6 aus 29 Patienten in der Kontrollgruppe. Die Autoren errechneten eine relative Risikoreduktion eines ungünstigen Krankheitsverlaufs von 38%. Dieses Ergebnis war jedoch statistisch nicht signifikant.